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Erstellt: 16. März 2022

»Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne« – Anne Hartung im Interview

Anne Hartung hat bereits vier Unternehmen (mit-)gegründet, ist Mutter von zwei Kindern und Expertin in verschiedenen Bereichen des Planungs- und Architekturprozesses. Darüber hinaus steht sie angehenden Unternehmerinnen und Unternehmern mit sehr viel Engagement und Leidenschaft als Mentorin beiseite. Was sie umtreibt und motiviert und welche Tipps sie für eine erfolgreiche Gründung hat, erfahrt ihr in diesem Interview.

Liebe Frau Hartung, Sie sind Architektin und geschäftsführende Gesellschafterin. Sie betreuen unterschiedlichste Projekte in den Bereichen Neubau, Sanierung und Barrierefreiheit in ganz Mitteldeutschland und darüber hinaus. Zudem verfügen Sie über zahlreiche Zusatzqualifikationen und Weiterbildungen – von Controlling und Geschäftsführung über Farbgestaltung und Feng Shui bis zur Fachfrau für Projektmanagement. Was bewegt Sie zusätzlich Startups auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu begleiten und zu unterstützen?

Da gibt es einige Gründe!

Zunächst einmal wohnt  ja bekanntlich jedem Anfang ein Zauber inne. Es ist wie ein Rausch oder wie frisch verliebt zu sein. Man sprüht vor Energie. Es fasziniert mich und inspiriert auch meine Kollegen in der Geschäftsführung von Hartung & Ludwig, unser eigenes Unternehmen weiterzubringen. Diese Begeisterung vom Anfang ist ansteckend. Das heißt, wir ziehen Kraft aus der Zusammenarbeit mit jungen Menschen und können diese im Umkehrschluss wieder einsetzen, wenn es darum geht, Gründer zum Durchhalten zu motivieren, wenn es mal schwierig wird oder eine Durststrecke kommt.

Außerdem teile ich gern, was ich bereits gelernt habe und lerne und entwickle mich dabei selbst immer weiter. Ich hatte Mentoren, Coaches und vor allem Menschen, die an mich geglaubt haben. Dadurch hatte ich es vielleicht an manchen Stellen etwas einfacher bzw. habe mich einfach getraut, etwas zu tun, weil ich wusste, da steht mir jemand zur Seite.

Aus der Unternehmensperspektive sind wir natürlich immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Synergien. Wie kann man durch strategische Zusammenarbeit mit jungen, innovativen Unternehmen das eigene Potenzial steigern? Oder wie können neue Produkte oder Dienstleistungen unsere Arbeit ergänzen, verbessern oder vereinfachen? 

Ein wichtiger Punkt für mich ist es zudem, das Unternehmertum und dessen Ansehen in der Gesellschaft zu stärken. Es gibt viel zu wenig Unternehmer und Unternehmergeist in diesem Land. Es geht vielen sehr gut und die Motivation ein Risiko einzugehen, wird immer geringer. Da ist es einfach toll, junge Gründer zu ermutigen, in die »Unternehmerfamilie« zu kommen, etwas aufzubauen, selbst zu gestalten und nicht immer nur »andere machen zu lassen« und dann auf den Staat zu schimpfen. 

Sie selbst haben bereits zweimal gegründet: 2005 das Architekturbüro Hartung, im Jahr 2009 Hartung & Ludwig Architektur- und Planungsgesellschaft mbH. War die Selbstständigkeit schon immer Ihr Plan A? Und was waren für Sie die größten Herausforderungen auf dem Weg zum eigenen Unternehmen?

Ich habe mittlerweile sogar vier Firmen* ge- bzw. mitgegründet und es werden weitere folgen. Die Selbständigkeit war schon immer mein Plan. Die Größe hätte ich mir allerdings so nicht vorstellen können. Wenn ich zurückblicke, habe ich in der Vergangenheit deutlich kleiner gedacht.

Was die Herausforderungen betrifft, muss man zum einen – vor allem in einem kleinen oder neuen Unternehmen – viele Rollen ausfüllen, die einem nicht unbedingt liegen und Aufgaben erfüllen, die man nicht gelernt hat. Bei mir war es vor allem die Akquise von Aufträgen. Ich bin nicht gerade die geborene Verkäuferin. Bei anderen ist es der kaufmännische oder Controlling-Bereich oder der Umgang mit Personal. Hier kann man sich entweder Partner suchen oder man muss es lernen. Und am besten lernt man, indem man Fehler macht.  

Die zweite große Herausforderung war, das Vertrauen, dass man sich sowohl bei Kunden, aber vor allem auch bei Geldgebern bzw. Banken aufbauen muss. Das braucht Zeit! Die ersten Kredite für Investitionen haben wir nach vier Geschäftsjahren bekommen, nachdem wir mehrfach bewiesen hatten, dass wir halten, was wir uns vornehmen und versprechen. Wir haben bis dahin viel eigenes Geld und das von Freunden in die Firma gesteckt, um unsere Kosten zu decken, Mitarbeiter und Material zu bezahlen. Wir wussten einige Monate nicht, wovon wir die Miete zu Hause zahlen sollten … 

Gründerinnen und Gründer, die noch am Anfang stehen, haben oftmals enormes Entwicklungspotential, benötigen jedoch auch umfangreiche Unterstützung. Was ist Ihnen als Mentorin in der Zusammenarbeit mit Startups wichtig?

Ich persönliche möchte herauskitzeln, wo Motivation, Leidenschaft und Begeisterung liegen und genau diesen Funken zu schüren! - Offenheit für kritische Fragen und helfende Hände setze ich daher voraus. Fragen helfen immer über den Sinn der Sache nachzudenken und tiefer einzusteigen.  Es liegt uns viel daran, Gründern zu helfen, Defizite zu erkennen – im Team, im Prozess usw. und dann gemeinsam nach Lösungen dafür zu suchen. Dabei unabdinglich sind vor allem Gespräche und Diskussionen – die bringen beide Seiten weiter. Ich finde, das ist eine unheimliche Bereicherung.

Zudem schaden Kontakte bekanntlich nur dem, der keine hat. Wir haben viele und geben diese gern Preis. Ich glaube dadurch können wir alle viel schneller unsere Ziele erreichen.

Sie sind jetzt schon seit fast drei Jahren Unterstützerin des neudeli Fellowships und Branchenexpertin im neudeli-Netzwerk. Welche Projekte und/oder Persönlichkeiten haben Sie besonders beeindruckt und warum?

Mich begeistert, wer hartnäckig ist und dranbleibt! Spannend finde ich beispielsweise die ehemaligen neudeli Fellows von E-Terry. Die habe ja gerade einen Preis gewonnen. 

Seit längerem begleite ich das Startup LOKK! Larisa Pavliuk, die Gründerin versprüht eine unglaubliche Energie, die ansteckend ist.

(Anm.d.Red.: LOKK wird seit einigen Jahren von Anne Hartung unterstützt. Kernidee des Unternehmens ist eine Plattform, die raumbezogenen Daten bündelt und visualisiert.)

Die deutsche Startup-Szene ist männlich dominiert und auch bei den klassischen Selbstständigkeiten bilden Frauen nur einen kleinen Teil. Woran liegt das aus Ihrer Sicht und was müsste sich ändern, um mehr Frauen für diesen Karriereweg zu begeistern?

Oje. Das ist ein Thema, über das man stundenlang philosophieren könnte. Ich glaube, man muss die Frauen Frau sein lassen. Frauen haben eine genetische Vorprogrammierung zum Familiensinn. Und da schließe ich mich voll mit ein. Auch wenn wir starke Männer an unserer Seite haben, haben wir als Frauen die Kinder und Familie im Hinterkopf und das müssen wir vereinbart bekommen, WENN wir es wollen. 

Da hilft es sehr, gute Betreuung zu haben – sowohl in der Kita oder Schule, als auch zu Hause durch Partner, Großeltern oder Freunde. Je größer die Familie, umso besser kann es funktionieren. Bei uns wäre ohne Großeltern vieles nicht möglich gewesen. Wenn ich die Kinder in guten Händen weiß, kann ich mich auch voll auf mich und meine Arbeit konzentrieren. 

Bei uns im Unternehmen stellen wir fest, dass viele Frauen es könnten, aber sich nachmittags einfach lieber um die Familie und die Kinder kümmern und das auch genießen. Sie wollen die große Verantwortung nicht.  Da frage ich mich auch: Was müsste ich als Arbeitgeberin ändern? Was ist oder was kann die Motivation für Frauen sein, Karriere mit dem eigenen Unternehmen zu machen?

Vielleicht denken Frauen zu oft, sie müssten sich zwischen Familie und Beruf entscheiden. Vielleicht brauchen sie die Gewissheit, beides bekommen zu können und zu dürfen?

Überdies hinaus braucht es natürlich Vertrauen – Selbstvertrauen und das Vertrauen anderer in die eigene Persönlichkeit. Das kann man übrigens lernen und trainieren. 

Welchen Tipp geben Sie angehenden Gründerinnen und Gründer mit auf den Weg?

  1. Nicht aufgeben! Niemals.
  2. Wenn ihr mal am Verzweifeln seid, fragt euch, warum ihr damit angefangen habt?
  3. Habt keine Angst Fehler zu machen. Das ist die beste Quelle zu wachsen, die wir haben.

Herzlichen Dank für das Interview!

* Anne Hartung ist eine wahre Serial Entrepreneurin! Auf nachfolgende Unternehmensgründungen blickt Sie zurück:

2005 Architekturbüro Hartung (wurde bereits erwähnt)
2009 Hartung & Ludwig Architektur- und Planungsgesellschaft mbH mit Ralf Ludwig zusammen
2019 Hartung & Ludwig Holding GmbH (als übergeordnete Gesellschaft und Dienstleister für Tochterfirmen)
2021 Übernahme/ Unternehmensnachfolge der snp Architekten und Ingenieure GmbH in Leipzig
04/2021 LOKK u.G. zusammen mit Larisa Pavliuk